Unsere Straße

Ich hatte die Absicht und habe sie auch jetzt noch, die Geschichte unserer Familie und ihrer wundersamen Errettung zu erzählen, und ich merke, wie meine Gedanken immer weiter und weiter zurücklaufen und nicht bei der Jahreszahl 1933 stehenbleiben. Es ist, als hätte ich mit meiner Erinnerung ein schweres Schwungrad angeworfen, das, wenn es einmal in Gang gekommen ist, sich nicht mehr so schnell abbremsen läßt. Aber bedenke ich es recht, besteht auch kein Grund, es abzubremsen, vielleicht ist es sogar besser, wenn es sich weiterdreht. Denn vieles, was während der Hitlerzeit mit mir, meinen Eltern und Geschwistern geschah, ist schwer zu verstehen, wenn man nicht die Umstände kennt, unter denen wir damals lebten.

Seit 1917 wohnten meine Eltern im Hinterhaus der Kaiserhofstraße 12, einer kleinen Straße zwischen Hauptwache und Opernplatz. Dort kam ich auch zur Welt. Die Kaiserhofstraße ging nur bis Nummer 20 und verband die Hochstraße mit der fast parallel verlaufenden Freßgasse, die in Wirklichkeit Große Bockenheimer Straße heißt, aber von jedermann nur Freßgasse genannt wird. Viele kennen ihren richtigen Namen gar nicht.

Der vornehmste Frankfurter Delikatessenhändler, Rollenhagen, hatte in der Freßgasse sein Geschäft. Oft habe ich mir an seinen Schaufenstern die Nase plattgedrückt, um die wie phantastische Kunstwerke dekorierten Leckerbissen, die ich nicht mal dem Namen nach kannte, und im Ladeninnern die feinen Damen und Herren, die sich solche Genüsse leisten konnten, so lange anzustarren, bis mein Atem die Scheibe blind machte.

Doch Rollenhagen war nur einer von vielen Läden, durch die diese Straße zur Freßgasse wurde. Da waren der Käs-Petri im Eckhaus der Kaiserhofstraße, der in seinem Schaufenster die in Hälften zerschnittenen Riesenräder von Schweizerkäse zu Pyramiden auftürmte; der Fisch-Kremser, dessen Schaufensterfront ein einziges großes Fischbassin war, in dem Fische aus allen Weltmeeren herumschwammen; der vornehme Pralinenladen von Wörner-Simmer, wo ich mir jedesmal, wenn ich vorbeiging, wünschte, einmal eine der köstlichen Pralinen aus der wundervoll drapierten Auslage zu bekommen; das Delikatessengeschäft Plöger, das damals viel kleiner als Rollenhagen war, aber noch heute existiert, während der große Rollenhagen bald nach dem Zweiten Weltkrieg schließen mußte, woraus man den Wahrheitsgehalt des alten Sprichworts erkennt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, auch dann nicht, wenn sie mit den köstlichsten Delikatessen aus aller Herren Länder behängt sind; ferner war da der Obst-Weinschrod, den ich nicht leiden konnte, weil ich dort immer »für zehn Pfennig angestoßenes Obst« holen mußte; aus dem gleichen Grund war mir auch der Metzger Emmerich verleidet, denn da gab es für mich selten etwas anderes zu kaufen als »für zwanzig Pfennig Wurststückchen«; ich erinnere mich auch noch sehr gut an die Bäckerei von Fritz Lochner, den heute weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten Bäcker, und an den Metzger Stephan Weiß, der gerade zur rechten Zeit, als nämlich das Luftschiff »Graf Zeppelin« zum ersten Mal in Frankfurt landete, eine neue Wurstmischung zusammenstellte, sie in einen meterlangen, drei Zoll dicken Darm preßte, die Riesenwurst der Luftschiffbesatzung schenkte und damit die Erlaubnis erhielt, diese Wurstsorte »Zeppelinwurst« zu nennen. Er dürfte bis heute viele Kilometer davon verkauft haben.

 

Zurück zur Kaiserhofstraße. So kurz sie auch war, schien sie dennoch eine vornehme Straße gewesen zu sein. Leider konnte ich unsere Familie nicht in diese Vornehmheit mit einbeziehen, denn wir wohnten im Hinterhaus, und Papa war Arbeiter. Auf jeden Fall aber war unsere Straße vornehmer als die beiden Parallelstraßen links und rechts von uns, die Meisengasse und die Kleine Hochstraße, die etwa gleichlang waren.

Die aus der Gründerzeit stammenden Häuser unserer Straße hatten größtenteils imposante, gut erhaltene und gepflegte Fassaden mit Balustraden, Fenstereinfassungen und anderen ornamentalen Verkleidungen aus rotem Sandstein, hinter denen Angestellte, städtische Beamte, Handwerker und Geschäftsleute wohnten. Sogar mehrere Lebensmittelladenbesitzer aus der Freßgasse zählten zu unseren Mitbewohnern.

Nicht weniger stolz konnten wir aus der Kaiserhofstraße auf den exklusiven Fechtclub »Hermannia« sein, dem die damals weltberühmte jüdische Fechterin Helene Mayer angehörte. Er war im Haus Nummer 11 untergebracht, und wenn die Fechtmeisterin wieder einmal mit neuem Sportlerruhm nach Hause kam, gab es jedesmal einen festlichen Empfang für sie, an dem die ganze Straße teilnahm. Nach 1933 zog die »Hermannia« aus und überließ das Haus der NS-Gemeinschaft »Kraft durch Freude«. Zehn Jahre später war es das erste Haus unserer Straße, das ausgebombt wurde.

Auch die studentische Burschenschaft »Rhenania« hielt unsere Straße für würdig genug, um im Haus Nummer 19 Quartier zu beziehen und dort einen Paukboden einzurichten, wo auch richtige Mensuren geschlagen wurden. Dieses Haus hatte an der Straßenfront, in einer Nische eingelassen, eine große, nicht zu übersehende griechische Statue aus Sandstein. Wenn ich mich an der Fensterbank hochzog und auf die Kante des eisernen Kellerlochdeckels stellte, konnte ich die sich schlagenden und blutenden Studenten sehen.

Das Besondere unserer Straße aber war, daß dort einige Maler und Schauspieler wohnten, vor allem Sänger aus dem Ensemble des nahen Opernhauses. Durch sie erhielt die Straße etwas Weltoffenes, vielleicht sogar Frivoles. Dies wurde noch betont durch zwei exklusive Weinlokale, die nur am Abend und in der Nacht geöffnet waren und hinter deren gläsernen Eingangstüren schwere rote Plüschvorhänge die Sicht ins Innere verwehrten. Das eine war zeitweise ein stadtbekanntes Schwulenlokal.

Trotzdem war die Kaiserhofstraße eine gesellschaftsfähige, vom Kleinbürgertum und dem Mittelstand durchaus bewohnbare Straße.

Auch die zwei Nutten aus Nummer 4, eine andere wohnte später sogar in unserem Haus, konnten dem Ansehen unserer Straße nichts anhaben, sie wohnten ja nur dort und bezahlten pünktlich die Miete. Auf den Strich gingen die beiden zwischen Goethestraße und Hauptwache, im seriösen Steinweg, oder gleich in der Kleinen Bockenheimer Straße, wo sie zwei Häuser neben der Roten Katze ihre Absteige hatten. Es stimmt, daß sie sich jeden Tag beim Friseur Jung in Nummer 2 die Haare machen ließen, so viel Geld hatten sie. Für den ansonsten braven Friseur war das nichts Anrüchiges. Da die beiden gesundheitsbehördlich überwachten Damen weder ihn noch seine Gesellen zu verführen trachteten und da auch die Friseurmeistersgattin keine Bedenken hatte - was sollte es?

Von den beiden Damen mit den Wackelpopos profitierte ich insofern, als mir meine eineinhalb Jahre ältere Schwester Paula an ihnen zeigen konnte, woran man todsicher Nutten erkennt: daß sie nämlich auffallend starke Strumpfnähte haben, viel stärkere als bei anderen Frauen, und sich damit den Männern bemerkbar machen. Paula mußte es wissen, sie war bereits sieben Jahre alt und schon sehr klug. Seit der Zeit wußte ich Bescheid, mir konnte niemand mehr etwas vormachen. Von da an entlarvte ich aufgrund dieser Intimkenntnisse unheimlich viele Nutten, die sich in der Menge des Freßgassenpublikums ganz harmlos gaben, so als wäre überhaupt nichts mit ihnen, und die sich durch nichts anderes verrieten als durch ihre markanten Strumpfnähte. Das waren aufregende Stunden. Wohlweislich behielt ich meine Entdeckungen für mich.

 

Arbeiter und andere Leute aus dem einfachen Volk wohnten selbstverständlich auch in unserer Straße; schließlich gab es genug Hinterhäuser - hinter jedem Vorderhaus eines. Dort waren auch die Mieten billiger. Man hörte schon mal Beschwerden darüber, daß nie die Sonne in die Hinterhäuser komme, daß es dort immer stinke und daß dafür die Mieten ganz schön hoch seien, wie zum Beispiel in Nummer 10, unserem Nachbarhaus. Dieses Haus, dessen Hinterhof von dem unsrigen nur durch eine gut zwei Meter hohe Mauer mit einer eingelassenen Teppichstange, die das Darüberklettern sehr erleichterte, abgeteilt war, gehörte einer Brauereibesitzerstochter, die im zweiten Stock des Vorderhauses wohnte. Ihr Mann, der eingeheiratete Schlossermeister August Walther, hatte im Hof seine Werkstatt. Sie lebten in Gütertrennung, und die Bierbrauerstochter versäumte im Gespräch mit den Nachbarn keine Gelegenheit, um zu betonen, daß das ihr Haus sei; ihm gehörte nichts weiter als das schmiedeeiserne Schild draußen an der Hauswand mit der Aufschrift »Kunst- und Bauschlosserei«, seinem Namen und zwei gekreuzten goldenen Schlüsseln, die man von der Freßgasse aus sehen konnte. Frau Walther - die uns wegjagte, wann immer wir uns ihrem Haus näherten, die Wutanfälle bekam, wenn sie Kritzeleien an der Hauswand oder im Treppenhaus entdeckte, und arme Leute nicht ausstehen konnte, weil die ja immer nur selbst an ihrer Armut schuld seien - reagierte auf Beschwerden über zu hohe Mieten mit dem schnippischen Hinweis, wem es nicht passe, der könne ja ausziehen, ihretwegen in die Meisengasse, sie halte niemanden. Das rief sie vom Vorderhaus über den Hof laut den beschwerdeführenden Hinterhausmietern zu, so daß es die ganze Nachbarschaft mitbekam und die Angesprochenen beschämt ihre Fenster schlossen.

 

Unsere Straße steckte voller Merkwürdigkeiten, und es wundert mich, daß es damals und auch später keinem auffiel. Ich meine, die Kaiserhofstraße, von der ohnehin niemand recht weiß, warum sie so heißt, hätte es verdient, daß ihre Geschichte in die städtischen Annalen einginge. Allein schon das, was in meiner Erinnerung zurückgeblieben ist - und es sind doch nur kärgliche Reste von Erinnerung -, macht sie bemerkenswert.

 

In Nummer 6 zum Beispiel wohnte ein Kunstmaler mit dem klangvollen Namen Lino Salini. Ich habe seitdem keinen Menschen mehr kennengelernt, bei dem Name und Habitus so zueinander paßten. Das war ein Auftritt, wenn der stattliche Mann mit dem runden schwarzen Künstlerhut, dessen Krempe breit wie ein Wagenrad war und den er sommers wie winters auf dem Kopf hatte, einen weiten Pelerinenmantel umgehängt, die Kaiserhofstraße hinunterging, nein, -schritt, die Zeichenmappe unter den linken Arm geklemmt, den rechten Arm in einem weiten Bogen pendelnd und immer wieder den von den Schultern gleitenden Wollschal mit lässigem Schwung nach hinten werfend!

 

Der im gleichen Haus wohnende Transvestit Didi gab sich da unauffälliger. Tagsüber war er in einem vornehmen Damensalon in der Schillerstraße ein begehrter Friseur; abends, wenn er geschminkt und mit hellblonder Perücke entweder in einem eleganten knöchellangen Abendkleid oder einem enganliegenden Damenkostüm mit Pelzstola, Seidenstrümpfen und hochhackigen Pumps ausging, war es ihm am liebsten, wenn er unerkannt blieb. Aber die Leute in der Kaiserhofstraße wußten es natürlich und hänselten ihn. Er nahm das schweigend und lächelnd hin. Als männlichen Didi kannte auch ich ihn gut und war von der Verwandlung am Abend tief beeindruckt, da sich mit den Kleidern auch sein Gang und sein ganzes Gehabe veränderte, sogar seine Stimme. Hätten mich die größeren Buben nicht auf ihn aufmerksam gemacht, allein würde ich ihn bestimmt nicht erkannt haben.

Als Didi schon längst nicht mehr wagte, sich in Frauenkleidern sehen zu lassen, holten ihn eines Tages SA-Leute von seiner Arbeitsstelle ab und schafften ihn in ein Konzentrationslager. Dort ging Didi, der außerhalb seines Frisiersalons niemandem ein Haar krümmen konnte, elend zugrunde.

 

Einige Häuser weiter, dort, wo sich Mohrhards Weinstuben befanden, war ein sehr originelles Paar zu Hause, die Eheleute Kummernuß. Zwei kleine Emailschilder neben der Haustür, akkurat untereinander, zeigten an, daß sich das Ehepaar in einer geradezu idealen beruflichen Konstellation befand: er war Detektiv, sie war Astrologin. Beide hatten ihren Arbeitsplatz in der gleichen Dreizimmerwohnung. So konnte sich die Klientel frei entscheiden, ob sie sich im vorderen Zimmer etwas auskundschaften oder im Hinterzimmer, bei etwas ungünstigeren Licht-, aber entsprechend günstigeren Honorarverhältnissen und möglicherweise gleichen Erfolgschancen, aus den Sternen weissagen lassen wollte. Ich kann mir vorstellen, daß sich beider Arbeitsbereiche hervorragend ergänzten.

Ein einziges Mal nur versagte die Astrologin Kummernuß, als der Detektiv Kummernuß eines Tages über seine reichlich unkonventionellen Arbeitsmethoden stolperte, zu denen Aktendiebstahl, Versicherungsbetrug, Beamtenbestechung und in einem Fall sogar Brandstiftung gehörten; da konnte die Astrologin leider nicht beizeiten aus der Konstellation der Sterne voraussagen, daß der berufliche Übereifer des Detektivs im Gefängnis enden werde.

Im gleichen Haus im Mansardenstock wohnte noch der Bäckergeselle Peter Weckesser. Er war aktiver Kommunist, ich glaube Stadtteilkassierer, und mit Mama in der gleichen Straßenzelle der KPD. Er wußte einiges von Papas illegaler Zeit und von unserer jüdischen Herkunft, ahnte aber nichts von Mamas verzweifeltem Bemühen, unsere Vergangenheit unsichtbar zu machen. Auch nach dem Parteiverbot brachte er meiner Mutter noch regelmäßig illegale Flugschriften. Bereits im Sommer 1933 wurde er verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1937 - er war nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus in einen anderen Stadtteil gezogen - begegnete ich ihm auf der Straße. Er fragte mich, ob unserer Familie nach seiner damaligen Verhaftung nichts passiert sei. Er erzählte mir, Geheimpolizisten hätten ihn vor seiner Festnahme längere Zeit überwacht, und viele Parteifreunde, die er in diesen Wochen aufgesucht habe, seien ebenfalls verhaftet worden. Außerdem sei im Bericht eines Polizeispitzels, der während des Prozesses verlesen wurde, auch der Name meiner Mutter erwähnt gewesen. Er war höchst erstaunt, als ich ihm sagte, daß es bei uns nicht einmal eine Haussuchung gegeben habe.

Ich erwähne diese Episode eigentlich nur, weil es eine der ersten gefährlichen Situationen während der Hitlerzeit war, in die wir geraten waren und von denen jede das Schicksal unserer Familie hätte besiegeln können.

 

In Nummer 14 wohnte ein richtiger Weltmeister. Er hieß Walter Lütgehetmann und hatte sich seinen Titel im Billardspielen, und zwar in Cadre 47/2, was immer das heißen mag, verdient. Mehr ist über ihn nicht zu sagen, denn er war für einen Weltmeister auffallend unauffällig, und man sah ihn nur selten, denn er mußte ja, um in Form zu bleiben, den ganzen Tag in seinem Billardkasino hinter dem Säuplätzchen an der Freßgasse üben.

Im gleichen Haus wohnte einer in Untermiete im Mansardenstock, der Klauer hieß und auch einer war und deswegen einmal für ein ganzes Jahr in die Strafanstalt Preungesheim umziehen mußte. Er hatte das Pech, bei einem Kellereinbruch geschnappt zu werden, als er sich mit dem Eingemachten fremder Leute versorgen wollte. Zu seiner Entlastung ist zu sagen - was kein Staatsanwalt beim Strafantrag und kein Richter bei der Strafbemessung berücksichtigte -, daß er zum Zeitpunkt seiner Straftat bereits zwei Jahre stempeln ging, von zwölf Mark Arbeitslosenunterstützung in der Woche leben mußte und von dem wenigen, was er hatte, regelmäßig noch ein bis zwei Mark für seine Mutter abzweigte, obwohl diese, als sie noch auf den Strich ging, sich nie um ihn gekümmert und ihn in einer Erziehungsanstalt seinem Schicksal überlassen hatte. Jetzt lebte sie in einem Siechenhaus und bekam keinen Pfennig Taschengeld.

Klauer war ein Genie im Basteln von Radiogeräten. Eines Tages baute er auch eines für unsere Familie, mit dem man sogar ausländische Sender empfangen konnte. Er wollte keinen Pfennig dafür haben. »Ihr habt ja auch nicht mehr als ich«, sagte er nur. Noch zehn Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, hörten wir mit diesem selbstgebastelten Gerät heimlich Radio Moskau und Radio London.

 

Eingraviert in ein blinkendes Messingschild machte Joseph Walcker in Nummer 18 darauf aufmerksam, daß er »Hühneraugenoperateur« mit »Behandlung nach vorheriger Anmeldung« sei. Ich hatte schon ein paarmal mit großer Neugierde zugeschaut, wie die junge Frau Schwab in unserem Hinterhaus ihrem dicken, ewig nörgelnden Mann, während ich mit ihrem Stiefsohn »Sechsundsechzig« spielte, die Füße in einer kleinen Zinkwanne mit heißem Wasser einweichte, sie abtrocknete und ihm dann mit einem Rasiermesser, das er selbst vorher an einem Lederriemen abgezogen hatte, die Hühneraugen auf den haarigen Zehen beschnitt. Ich stellte mir vor, was das für ein Leben sei, den ganzen Tag Füße einzuweichen und Hühneraugen zu beschneiden, da änderte auch das klangvolle »Operateur« nichts dran, und Herr Walcker tat mir ein bißchen leid.

Bei der jungen Frau Schwab mit dem unfreundlichen Mann, der gut zwanzig Jahre älter war als sie, fällt mir ein, daß sie mir zum ersten Mal in meinem Leben die Möglichkeit bot, eine nackte Frau von allen Seiten zu betrachten.

Das kam so: Durch das Hinterhaus zog sich ein großer Lichtschacht; auf ihn gingen das Küchenfenster und auf der gegenüberliegenden Seite das Fenster einer Kammer hinaus. So konnte man von der Küche aus bequem in die Kammer hinüberschauen. Diese hatte sich die Familie Schwab zu einem Bad ausgebaut, das aber höchstwahrscheinlich von Herrn Schwab noch nie benutzt worden war.

Eines Tages, als ich wieder einmal mit ihrem Stiefsohn Karten spielte, sagte Frau Schwab, sie gehe jetzt ins Bad. Kaum hatte sie die Kammertür hinter sich verschlossen, zog mich ihr Sohn in die Küche und wies mir einen Platz seitlich zwischen Wasserstein und Fensterrahmen zu. »So kann sie dich nicht sehen«, sagte er leise und stellte sich an die andere Seite des Fensters. Von hier konnte man durch die Spanngardine ungehindert in die erleuchtete Badekammer schauen, wo sich Frau Schwab zu schaffen machte. Sie ließ Wasser in die Wanne ein und begann sich auszuziehen. Mir mit meinen zwölf oder dreizehn Jahren wurde abwechselnd heiß und kalt, als sie sich Kleid und Unterrock über den Kopf streifte, dann am Büstenhalter herumnestelte und mit einem Ruck ihre vollen Brüste hervorquellen ließ, sie in beide Hände nahm, drückte und ein wenig massierte, und schließlich den weißen Schlüpfer auszog und ein dunkelhaariges Dreieck freilegte, riesig groß und regelmäßig wie mit einem Lineal gezogen. Später konnte sie anhaben, was sie wollte, Hose, Rock oder Mantel, geblümt, gestreift oder einfarbig, ich sah immer nur, wenn ich ihr begegnete, das große schwarze Dreieck.

Sie stand in ihrer ganzen Üppigkeit so günstig zum Fenster, daß ich sie von Kopf bis Fuß genau betrachten konnte, jede Einzelheit, jedes Härchen, jeden Pickel, jede Falte. Trotz der roten Striemen des Schlüpfergummis an Bauch und Schenkeln und, wo die Träger des Büstenhalters gesessen hatten, an den Schultern, war sie für mich makellos, schön wie die Venus von Milo und erregend wie die Fotos an der Nachtbar. Jede ihrer Bewegungen löste ein Zucken in meinem Kopf aus, im Bauch und in den Knien. Sie hatte es gar nicht eilig, in die Wanne zu steigen, bückte sich nur einmal und drehte, während die schweren Brüste im Rhythmus der Bewegungen pendelten, die Wasserhähne zu. Dann wandte sie sich wieder zu uns um. Sie spreizte ein wenig die Beine, reckte sich und zeigte dabei ihre dunklen Haare in den Achselhöhlen, knetete Bauch und Schenkel, rieb sich mit beiden Händen zwischen den Beinen - und dann erst bequemte sie sich, das Bad zu beginnen. Ganz langsam stieg sie über den Wannenrand, wobei sie uns noch einmal die pralle Rundung ihres Hinterns entgegenstreckte, und versank bis zum Hals im Wasser. Ein solches Schauspiel hatte ich noch nie erlebt und war vor Erregung einer Ohnmacht nahe. Das gleiche passierte noch zwei- oder dreimal und lief immer ähnlich ab, und ich zitterte, Frau Schwab könne uns irgendwann einmal entdecken. Erst viel später kam mir der Gedanke, ihr Badeeifer am hellichten Tag sei kein Zufall gewesen, sondern ein geschicktes Arrangement. Vielleicht hatte ihr unbefriedigtes Sexualleben sie zu diesen exhibitionistischen Spielen veranlaßt. Jedenfalls verschaffte sie mir damit ein außergewöhnliches Erlebnis.

Wenn aus dem ersten Stock des Hauses Nummer 18 häufig schrille Laute zu hören waren, dann kamen sie nicht, wie die Buben der Kaiserhofclique behaupteten, aus dem Behandlungszimmer des Hühneraugenoperateurs, sondern sie gehörten den beiden unverheirateten Damen aus dem Opernhauschor, die in der gleichen Etage wohnten und immer üben mußten, um bei Stimme zu bleiben.

 

Noch vieles wäre aus unserer Straße zu berichten, zum Beispiel von der Zigeunerfamilie mit den vielen Kindern aus Nummer 20, die bei ihrem Abtransport durch die SA so herzzerreißend weinten und schrien, daß man hätte mitweinen können, und die von den SA-Leuten nur mit Gewalt in das Transportauto gezerrt werden konnten; oder von der dicken ehemaligen Opernsängerin in Nummer 17, die immer mit drei kleinen Hunden an einer dreigeteilten Leine ausging; oder von dem Stadtsekretär in Nummer 16, der seine Wohnung zu einer einzigen großen Voliere umgebaut hatte und dem die flatternden Exoten wichtiger waren als seine Frau. Sie ließ sich darum auch von ihm scheiden, nachdem sie eines Tages ein Fenster geöffnet und einigen der wertvollen Vögel die Freiheit gegeben hatte.

Sie alle und viele andere Mitbewohner prägten so unverwechselbar die Kaiserhofstraße, daß sie sich deutlich von den Parallelstraßen, der Meisengasse und der Kleinen Hochstraße, unterschied.

 

Kaiserhof Strasse 12
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